Trauernetzwerk Nürnberger Land

Begleitung für Menschen in Trauer

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29.10.2021

Möglichkeiten der digitalen Trauer

 

Digitale Trauer? Was soll das sein? Wenn wir trauern, dann spüren wir die Auswirkungen unmittelbar an Körper, Herz und Seele. Aber doch nicht im Internet, buchstäblich ausgelagert. So einfach ist das! Und doch ist es nicht so simpel. Das bewies unsere Kollegin Jutta Schwartz, die u.a. eine Ausbildung zur Trauerbegleitung in der Palliativakademie des Juliusspitals Würzburg durchlief. Sie hat gründlich recherchiert und weiß, wovon sie spricht.

 

Wie schafft man es heutzutage in einer immer mehr digitalisierten Welt, Abschied zu nehmen, eine Bestattung und die Trauerfeier zu organisieren, soweit die in Pandemiezeiten überhaupt durchgeführt werden kann? Zuerst einmal müssen  Informationen beschafft werden. Dazu ist es nicht unbedingt nötig, vor Ort zu sein. Die Nutzung des Internets ermöglicht es, dass trauernde Angehörige in dieser emotionalen Ausnahmesituation in ihrer gewohnten Umgebung in ihrem individuellen Tempo passende Angebote von Bestattungsunternehmen heraussuchen. Man sollte dazu wissen, dass viele Online-Anbieter lediglich provisionsbasierte Vermittlungsportale betreiben und sich ihre Tätigkeit von echten Bestattern vergüten lassen. Trotzdem finden Sie auf dieser Ebene Informationen über Bestattungsarten, Trauerredner*innen oder Youtube-Filme mit Anregungen zur Gestaltung des Abschieds.

 

Die Digitalisierung ist dabei, auf unseren Friedhöfen einzuziehen. Wie passt das dazu, dass im März 2020 (in dem zeitgleich die Pandemie anlief) die deutsche Friedhofskultur in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde, weil die Pflege der Friedhofskultur nicht nur aktiven Denkmalschutz leiste, sondern sich auch als sozialer Begegnungsrahmen, der Kommunikation fördert und der Vereinsamung Alleinstehender entgegen wirkt, erweise? Durch einen am Grabstein angebrachten QR-Code, der mit einem Mobiltelefon gescannt wird, kann jeder Friedhofsbesucher eine von den Hinterbliebenen individuell erstellte Trauer- und Begegnungsseite im Internet ansteuern. Dieser Code kann geteilt werden über die üblichen elektronischen Wege, so dass auch für entfernt wohnende oder immobile Angehörige oder Freunde die Trauer in einem virtuellen Raum möglich wird. Bilder, Videos oder sonstige für dieses Medium geeignete Erinnerungen können dort eingestellt werden. So kann ein Gefühl der Verbundenheit entstehen.

 

Immer öfter werden Livestreams, also Lifeübertragungen von Trauerfeiern gesendet, deren Aufzeichnungen beliebig oft angesehen werden können. Man sollte diesen Weg des Abschieds von einem geliebten Menschen nicht geringschätzen. Das virtuelle, ungestörte und nicht von äußeren Umständen abgelenkte Dabeisein bei der Trauerfeier kann diesen Moment bereichern, vor allem, wenn eine persönliche Teilnahme durch geographische oder persönliche Umstände nicht möglich ist.

 

Wie wird unserer Verstorbenen gedacht? Fast jeden Tag finden sich in der gedruckten Zeitung Todesanzeigen. Frau Schwartz wies darauf hin, dass diese Anzeigen sich seit Jahren parallel zum Druck im Internet wiederfinden. Unter der Adresse „www.trauer.nordbayern.de“ sind z.B. die Traueranzeigen der Nürnberger Nachrichten zu finden. Anzeigen des Nürnberger Landes finden Sie unter  „www.gemeinsamtrauern.com“. Entsprechende Portale bieten alle deutschen Tageszeitungen. Traueranzeigen lassen sich nicht nur online aufgeben, zusätzlich wird zu jeder veröffentlichten Anzeige eine digitale Gedenkseite auf den Portalen generiert. Daher ist eine Namens- oder Datensuche im Internet möglich. Je nachdem, ob die automatisch erstellte unentgeltliche Gedenkseite oder eine zu bezahlende Premiumseite gewählt wird, können virtuell Kerzen mit Textanmerkungen aktiviert oder persönliche Erinnerungen, Bilder, Filme usw. eingetragen werden. Auf „www.gedenkseiten.de“ werden Begegnungsseiten unabhängig von Tageszeitungen erstellt. Am Beispiel eines vor einigen Jahren verstorbenen Prominenten wurde anschaulich vorgeführt, dass noch nach Jahren die Seiten rege besucht sein können. Ein Einspieler zeigte, dass trauernde Hinterbliebene sich durch Kommentare und Lebenszeichen von anderen mitfühlenden Menschen auf ihrer Gedenkseite gestärkt fühlten. Gedenkseiten können kein Grab oder die Teilnahme an einer Bestattung ersetzen, aber sie können helfen, die räumliche Entfernung zwischen Familienangehörigen oder Freunden zu überbrücken. Sie bestehen, einmal eingerichtet, dauerhaft und sind für jeden Menschen, sei er oder sie eingeschränkt oder in anderer Weise nicht vor Ort, aus jedem Winkel der Erde unmittelbar erreichbar. In der Folge verschwimmt hier die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit.

 

Es gibt auch eine virtuelle Alternative zum Treffen im Trauercafe, den von Moderatoren geleiteten Trauerchat. Im Trauerchat können Trauernde sich sicher fühlen. Sie können anonym bleiben, sich äußern oder einfach dem geschriebenen Dialog zusehen. Trauerräume sind in der Regel nach Interessengruppen gegliedert, es kann unterschiedliche Altersgruppen geben, Trauernde um Kinder oder Partner usw. Äußerungen werden vertraulich behandelt und wieder gelöscht. Für manche Menschen scheint es leichter zu sein, die Trauer in einem Chat anzusprechen als es in einer persönlichen Begegnung zu tun. Teilnehmer sind so in ihrem Schmerz nicht allein, sie können ihn teilen und im „Zusammensein“ mit anderen Trost und Hoffnung schöpfen, weil jede Regung angesprochen werden kann und darf.

 

Außerdem gibt es noch Trauerblogs und Trauerpodcasts. In einem Blog erzählt eine Person in Form eines Internet-Tagebuchs über ihre Trauer. Podcasts sind gesprochene Beiträge und Produktionen, die oft in regelmäßigen Abständen zum Thema im Netz erscheinen.

 

Es gibt viele Möglichkeiten, im Internet seine Trauer zu be- und verarbeiten und  Trost zu suchen. Aber kann  allzuviel Virtualität gesund sein? Die Gegenwart eines mitfühlenden Menschen ist schwer zu ersetzen. Digitale Portale können eine gute Unterstützung bei der Trauerverarbeitung sein, aber uns Menschen als Teil einer Gemeinschaft tun in der Regel persönliche Kontakte zu Freunden und Verwandten gut. Kostbar ist in der Krise ein Ort zum Zusammenkommen und Zusammensein, ob real oder virtuell.

 

Das letzte Beispiel von Frau Schwartz  stieß eine kontroverse Diskussion an. Es zeigte das Video über eine südkoreanische Mutter, die mit ihrem verstorbenen Mädchen in einer mit künstlicher Intelligenz erzeugten Virtual-Reality-Welt interagierte.

Das virtuell dargestellte Kind Naeyon aus Korea, verstorben 2016, fragt darin die Mutter u.a.: „Wo warst Du, Mami? Hast Du an mich gedacht?“ Das Video ist auf der Plattform Youtube zu sehen. Es wurde von den Fortbildungsteilnehmer*innen größtenteils ablehnend beurteilt, weil eine gesunde Trauerbewältigung durch diesen Weg fraglich erschien.

 

Frau Schwartz hat uns an diesem Abend gut informiert und ganz schön gefordert. Wir danken Ihr dafür.

 

Verkürzte Darstellung nach den Unterlagen der Dozentin.                       

Erhard Spiegel